von Bodo-Klaus Eidmann
Wakasensei Kenta Shimizu zu Gast beim TSV München-Großhadern
Drei Tage Aikido, intensive Begegnungen und ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm: Vom 18. bis 20. September 2026 war Waka-sensei Kenta Shimizu aus Tokio zu Gast beim TSV München-Großhadern. Anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Vereins wurde der Lehrgang zum Höhepunkt für rund 100 Aikidoka aus ganz Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Dänemark, Serbien und Slowenien. Neben dem Training mit und ohne Waffen stand auch ein Rahmenprogramm mit zum Beispiel einem Wiesnbesuch auf dem Programm. Schon beim Training wurde deutlich, dass Kenta Shimizu Aikido nicht allein als das Erlernen von Techniken versteht. Für ihn geht es um eine Haltung, die weit über das Dojo hinausreicht. Ein zentraler Gedanke seines Unterrichts ist dabei die Verbindung von Körper und Geist. Wer Aikido übt, arbeitet nicht nur an Bewegungen, sondern auch an der eigenen inneren Haltung.
„Bitte genießt Aikido“
Eine Botschaft liegt Waka-sensei besonders am Herzen: Die Freude am Aikido. Auf die Frage, was er den Münchner Aikidoka mitgeben möchte, antwortete er direkt: „Bitte genießt Aikido.“ Doch was bedeutet dieses Genießen? Für Shimizu hat es nichts mit einer oberflächlichen Leichtigkeit zu tun. Er erklärt, dass viele Menschen unter Freude etwas Ähnliches verstehen wie Kinder beim Spielen. Im Aikido sei das jedoch anders. Wahre Freude entstehe gerade durch ernsthaftes Training: durch Anstrengung, Schweiß, Konzentration und die Aufmerksamkeit für den Trainingspartner und für sich selbst. „Nachdem man sehr ernsthaft trainiert, viel schwitzt und sich auf den Partner und auf sich selbst konzentriert, entsteht daraus echte Freude“, beschreibt Shimizu seinen Zugang. Damit verbindet er zwei Aspekte, die auf den ersten Blick gegensätzlich erscheinen: Aikido soll Freude machen – und gleichzeitig ernsthaft betrieben werden. Gerade in dieser Verbindung liegt für Shimizu ein wesentlicher Teil der Faszination. Die Freude ist nicht das Gegenteil von Disziplin, sondern kann aus ihr entstehen.
Ein stilles Meer statt großer Wellen
Wie eng Körper und Geist miteinander verbunden sind, wird auch in einer weiteren Aussage Shimizus deutlich. Zu Beginn eines Trainings oder Lehrgangs versucht er, seinen Geist zur Ruhe zu bringen. Er verwendet dafür das Bild eines stillen Meeres: „Ich versuche, meinen Geist zu einem stillen Meer zu machen. Keine Wellen.“ Erst wenn diese innere Ruhe vorhanden ist, könne man bewusst entscheiden, wann eine große Bewegung, eine große „Welle“, entstehen soll. Zunächst gehe es darum, ruhig zu werden. Dieser Gedanke lässt sich unmittelbar auf das Training übertragen. Aikido wirkt für Außenstehende häufig ruhig und beinahe mühelos. Tatsächlich verlangt die Praxis jedoch hohe körperliche und geistige Präsenz. Die Bewegungen müssen präzise ausgeführt werden, gleichzeitig gilt es, den Partner wahrzunehmen und im richtigen Moment zu reagieren. Beim Lehrgang in Großhadern wurde dieses Prinzip in zahlreichen Übungen erfahrbar. Neben den waffenlosen Techniken wurde auch mit Tanto und Bokken trainiert. Die Arbeit mit den traditionellen Übungswaffen verlangt zusätzliche Aufmerksamkeit für Distanz, Timing und Körperhaltung und ergänzt das reguläre Training um weitere wichtige Facetten des Aikido.
„Weiter trainieren“
Was macht einen guten Aikidoschüler aus? Auch auf diese Frage antwortet Waka-sensei bemerkenswert knapp: „Weiter trainieren.“ In diesen wenigen Worten steckt ein Grundprinzip des Budo: Entwicklung entsteht nicht durch eine außergewöhnliche Trainingseinheit, sondern durch Kontinuität. Der eigene Weg wird Schritt für Schritt gegangen. Fehler, Fortschritte, Erfolge und Rückschläge gehören gleichermaßen dazu. Waka-sensei beschreibt Aikido als einen Begleiter der persönlichen Entwicklung. Auf die Frage, was ihn selbst bis heute an Aikido fasziniert, verglich er die Beziehung zur Kampfkunst mit der zu den Eltern: Manchmal seien sie streng, manchmal wünsche man sich mehr Abstand. Gleichzeitig habe Aikido ihm immer wieder einen Impuls für die eigene Entwicklung gegeben – „wie eine Hand, die mich von hinten vorwärts schiebt“.
Ein starker Geist – nicht nur im Dojo
Damit reicht die Bedeutung des Lehrgangs weit über das Erlernen einzelner Aikidotechniken hinaus. Die Fähigkeit, den eigenen Geist zu sammeln, konzentriert zu bleiben und sich auf unterschiedliche Menschen einzustellen, ist für Waka-sensei nicht nur im Budo relevant. Auch im Training begegnet man immer wieder unterschiedlichen Partnern: Menschen mit unterschiedlichen Körpergrößen, unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen und unterschiedlichen Erfahrungen. Gerade deshalb müsse man lernen, den eigenen Geist stabil und stark zu halten. Ein starker Geist, Konzentration und die Fähigkeit, auch unter wechselnden Bedingungen bei sich zu bleiben, sind Fähigkeiten, die im gesamten Leben von Bedeutung sein können.
Japan trifft München
Der Jubiläumslehrgang war nicht nur sportlich geprägt. Die Begegnung zwischen japanischer Aikidokultur und bayerischer Lebensart wurde auch außerhalb des Trainings gelebt. Waka-sensei zeigte sich von München sehr angetan. Die Stadt habe eine besondere Atmosphäre, erklärte er, mehr Energie als andere Städte, zugleich sei sie sehr friedlich. Besonders auffällig sei für ihn die Herzlichkeit der Menschen. Während Tokio als riesige Metropole eher Distanz entstehen lasse, erlebe er die Menschen in München als warmherzig und nahbar. Auch das Rahmenprogramm trug dazu bei, diese Begegnung mit Leben zu füllen. Ein Ausflug führte ins Bauernhofmuseum Glentleiten. Ein weiterer Höhepunkt war der Besuch der Allianz Arena. Auf die Frage, ob er Fußballfan sei, antwortete Waka-sensei mit „Ja“ – und ebenso eindeutig bekannte er sich zum FC Bayern. Sein Sohn sei ebenfalls Fan und besitze zahlreiche Bayern-Trikots. In München kam nun ein weiteres Erinnerungsstück dazu.
Zwischen Dojo und Wiesn
Und natürlich durfte bei einem Aufenthalt in München eines nicht fehlen: ein Besuch auf dem Oktoberfest. Waka-sensei beschreibt die Wiesn als ein warmherziges, energiegeladenes Fest. Dabei konnte er bereits auf eine frühere Wiesn-Erfahrung zurückblicken. Eine Begegnung mit einem älteren Mann blieb ihm besonders im Gedächtnis. Der Mann fragte ihn, woher er komme. Kenta Shimizu antwortete, dass er aus Japan stamme, erwiderte sein Gegenüber, sein Sohn sei ebenfalls nach Thailand gereist. Shimizu schmunzelt: Japan und Thailand seien schließlich zwei verschiedene Länder. Es sind auch solche kleinen Begegnungen, die einen Lehrgang über das Training hinaus zu einem Erlebnis machen. Dass der Aufenthalt für Waka-sensei selbst zu einem gelungenen Erlebnis wurde, zeigte sich schließlich auch an seinem Wunsch, wiederzukommen. Auf die Frage, ob er nach München und zum TSV zurückkehren werde, antwortete er ohne Zögern: „Natürlich.“
Fotos: Bodo-Klaus Eidmann
Bericht TZ von Freitag. 25. September 2026