von Bodo-Klaus Eidmann
Aikido als Lebenskunst - Lehrgänge mit Shimizu Sensei und Wakasensei Kenta Shimizu in Herzogenhorn
Blick vom Gipfel auf das Leistungszentrum Herzogenhorn. Foto: privat
Zwei Wochen lang stand das idyllische Sportzentrum im Schwarzwald ganz im Zeichen des Aikido. Unter der Leitung von Shimizu Sensei, Gründer des Tendoryu Aikido, und seinem Sohn Wakasensei Kenta Shimizu fanden im Juli gleich zwei jeweils einwöchige Intensivlehrgänge statt. Über 100 Aikidoka aus ganz Europa und darüber hinaus reisten an, um nicht nur ihre Technik zu verfeinern, sondern auch tiefere Einblicke in die Philosophie dieser Kampfkunst zu gewinnen.
Geschichten und Einsichten aus einem Aikido-Leben
Die Trainingseinheiten ergänzte Shimizu Sensei immer wieder mit Episoden aus seiner jahrzehntelangen Aikido- und Budo-Erfahrung. Besonders eindrücklich war die Anekdote über eine Begegnung mit dem japanischen Schauspieler Ken Takakura, der einst zum Tendokan kam. Auf dessen Frage nach dem Geheimnis des Budo antwortete Shimizu Sensei: „Das Geheimnis des Budo ist es, sich selbst zu besiegen.“
Damit verwies Shimizu Sensei auf den eigentlichen Kern des Aikido: nicht der Kampf gegen andere, sondern die stetige Arbeit an sich selbst. Aikido sei mehr als eine Kampfkunst – es sei eine Kunst der Persönlichkeitsentwicklung, ein Weg, Körper und Geist in Einklang zu bringen und zugleich eine gewisse innere Würde zu kultivieren.
Ein Schritt voraus – die aktive Natur des Aikido
Ein weiterer Schwerpunkt von Shimizu Senseis Ausführungen war die aktive Haltung im Aikido. Es sei ein Irrtum zu glauben, Aikido sei passiv und warte auf Angriffe. Vielmehr bestehe die Essenz darin, immer einen Schritt voraus zu sein. Diese Haltung habe er von niemand Geringerem als Morihei Ueshiba – O Sensei, dem Begründer des Aikido, übernommen.
Shimizu war einer seiner letzten Uchi Deshi ( jap. Hausschüler). Kano Jigoro Sensei, der Begründer des modernen Judo, habe einst über O´Sensei gesagt: „Ueshiba Sensei macht wahres Budo.“ Im Rückblick bezeichnete sich Kano Jigoro Sensei demütig als „Glühwürmchen“ im Vergleich zu O Sensei, den er die „Sonne“ nannte.
Erinnerungen an die Zeit mit O Sensei
Besonders bewegend waren die persönlichen Erinnerungen von Shimizu Sensei an seine Jahre mit O Sensei. Oft habe er vieles, was er als junger Schüler erlebte, erst Jahre später verstanden. O Sensei sei kein einfacher Mensch gewesen. So konnte O Sensei nicht nur im Training sehr impulsiv sein, auch konnte er unvermittelt in der Nacht auftauchen und fragen, ob Shimizu Sensei schlafe. Auch berichtete Shimizu Sensei von einer Reise, bei der er O Sensei begleiten sollte. Während er am Bahnhof mit Mühe das Gepäck hinterhertrug, habe sich O Sensei seinen Weg gebahnt und sei mühelos durch die Menschenmenge geglitten.
„Und so gab es viele Situationen, die man nicht einfach erklären konnte“, resümierte Shimizu Sensei. Diesen Erfahrungschatz mit O Sensei habe er nach bestem Vermögen an seinen Sohn Kenta weitergegeben, wenngleich dies in der Vater-Sohn-Beziehung nicht immer einfach gewesen sei: „Vielleicht bin ich manchmal zu streng.“
Technik und Training – Tempo als Schlüssel
Auch die Praxis kam nicht zu kurz. Unter Anleitung von Wakasensei Kenta Shimizu übten die Teilnehmer eine Vielzahl klassischer Tendoryu-Techniken. Besonders Wakasensei betonte, dass ein gewisses Tempo im Training absolut notwendig sei, um das „Ki“, die innere Energie, zu entwickeln und zu spüren. Zugleich erinnerte Shimizu Sensei daran, dass Aikido bewusst keinen Wettkampf kennt. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass viele Aikido-Techniken für einen sportlichen Wettkampf schlicht zu gefährlich wären. Während im Judo im Laufe der Entwicklung riskante Hebel- und Wurftechniken aus Sicherheitsgründen entfernt wurden, sind sie im Aikido als Teil der Budo-Kunst erhalten geblieben.
Genau darin liegt für die Trainierenden eine besondere Herausforderung: Einerseits gilt es, die Techniken authentisch und wirksam auszuführen, andererseits erfordert dies ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme gegenüber dem Partner. Nur in dieser Balance bleibt das Training lebendig und sicher zugleich. Umso wichtiger sei es somit, mit größter Aufmerksamkeit und Hingabe zu trainieren: „Nur so bleibt Aikido lebendig.“
Fazit
Die zwei Wochen in Herzogenhorn boten weit mehr als Technikschulung. Sie waren eine Reise in die Philosophie des Budo, geprägt von den persönlichen Erfahrungen Shimizu Senseis mit O Sensei und seiner jahrzehntelangen Lehrtätigkeit. Für die Teilnehmer war es eine seltene Gelegenheit, nicht nur Aikido auf höchstem Niveau zu praktizieren, sondern auch die tiefe geistige Dimension dieser Kunst zu erleben.
Die Teilnehmer des Aikido-Seminars 2. Woche Herzogenhorn mit Shimizu Sensei (sitzend) und Wakasensei Kenta Shimizu in der Mitte.. Foto: Gaelle Hemkemeier
Rückschau auf die beiden Seminar-Wochen im offiziellen Tendoryu-YouTube Kanal